Pur zeichnen lernen oder meditativ zeichnen

Seit ich nun doch auch wieder rein und pur zeichnen zu lernen unterrichte, werde ich nach dem Unterschied zum meditativen Zeichnen natürlich immer wieder gefragt.

Ich hatte früher schon Zeichnen unterrichtet und vom ersten Strich zu genauen Darstellungen von Häusern oder Produktideen dauert es und erfordert Übung.

Das ist beim meditativen Zeichnen nicht anders - Zeit und Übung.


Aber der Unterscheid beim Erlernen vom puren Zeichnen ist dann doch vor allem, dass es ausschließlich um Darstellung und Technik der Zeichnung geht. Ja, das Sehen wird neu erlebt und das Erkennen der Details - es bleibt dann aber im technischen, der Auswahl der Stifte, des Untergrunds und evt. Farbeffekte. Wann wischen, wann linear, Perspektive, Struktur, Material, Licht, Schatten, Portait, Akt - alles einzeln wunderbar zu erleben, zu üben und zu tun. Einfach hinsetzen und zeichnen.

Und besser werden, genauer zeichnen, schneller werden oder detaillierter, realistischer und genauer. Korrekte Perspektive und perfekte Materialdarstellung.

Das ist die Zielsetzung - besser werden und die tollere Ergebnisse erzielen, Zeichnungen, die absolut werden.


Ja und der Unterschied zum meditativen Zeichnen?


Die Leistung auch der Druck durch Zeitmangel - denn jeder Kurs ist dann doch wieder kurz. In den puren Zeichenkursen, will man ja schnell viel erreichen. Die Teilnehmenden haben Ziele vor Augen oder eine Mappe für ein Studium vorzubereiten oder eine Ausstellung im Terminkalender oder einen Urlaub vor sich, den sie zeichnerisch im Tagebuch einfangen wollen.

Alles super Gründe und noch mehr - einfach lernen zu sehen und zu zeichnen allein ist schon Grund genug, hinsetzen, schauen, zeichnen - sich mit anderen austauschen zu den Zeichnungen, einen eigenen Stil entwickeln - alles super.


Ja und der Unterschied zum meditativen Zeichnen?


Die Leistung und der Druck.

Das meditative Zeichnen ist extra ohne Leistungsdruck. Wir meditieren immer zuerst und nehmen wertfrei die Welt um uns wahr. Allein schon dieser Beginn vor dem Zeichnen beruhigt und setzt das Gehirn sozusagen auf stand by. Atmen, lauschen, sein.

In genau dieser Gemütsverfassung dann die Augen geöffnet sehen, erkennen und zeichnen.

Das ist langsam.

Das ist ruhig.

Das ist unterbrochen von den Meditationseinheiten.

Und beginnt danach wieder neu.


Gerade bei Seminaren über ein Wochenende oder mehrere Tage ist das Ausschalten des Leistungszentrums im Gehirn besonders intensiv. Eben wirklich nur da sein, wo man ist. In der Gruppe, im Kloster, in der Natur, auf dem eigenen Meditationsplatz oder mal allein im Wald unterwegs.

Wenn die Zeichnungen in der gleichen Stimmung wie eine Meditation begonnen werden, ist der Ergebnis auf dem Blatt dann auch gar nicht mehr entscheidend. Manchmal wird eine Skizze gar nicht so lange gezeichnet, dass sie fertig wäre.

Aber die Stimmung der Situation in Ruhe, die Struktur der Bäume oder tiefe innige Atem sind auf dem Blatt erkennbar in der Erinnerung. Daran kann auch irgendwann anders und irgendwo anders weiter gezeichnet werden.

Es ist wie es ist - ob es fertig scheint oder nicht.

Die Wahrnehmung ist wertfrei. Es wird eine Ebene wach und bewußt, die völlig entspannt. Das Zeichnen ist wie ein langsamer Spaziergang oder eine stille Beobachtung.

Das Zeichnen ist Meditieren.


Beides ist wunderbar. Ich bin dankbar, meditatives Zeichnen und entgegen meiner ursprünglichen Planung für dieses Jahr nun doch auch wieder pures Zeichnen unterrichten zu dürfen.


Ich für mich finde das meditative Zeichnen (ent-)spannend, weil es mir mich selbst öffnet. Es kommen durch diese tiefe Entspannung auch ganz alte und wieder neu wirkenden Erinnerungen ins Bewusstsein oder ich werde einfach ruhig und gleichmütig. Dankbar für jeden Augenblick.

Ich freue mich am Dasein, nur das. Pur das.


Anders, als wenn ich eine Zeichnung für Kund*innen oder eine Produktentwicklung konzipieren will mit dem Termindruck dahinter, gehe ich in der Meditation ja in den äußerlichen Stillstand.

Ich sitze, lasse los, warte, atme.


Es ist ein inneres Wahrnehmen, das sich unterscheidet - beim meditativen Zeichnen oder beim puren Zeichnen.

Meditieren ist besser als nichts tun. Ich schlafe ja nicht, ich nehme ganz bewußt wahr. Manchmal gibt es auch Zeiten da geht es dann innerlich richtig rund, weil ich mir Zeit lasse, weil ich meiner Seele Raum gebe. Und dann zeichne ich viel eher so, wie es mir in dem Moment geht und die Linien werden ganz stark oder chaotisch. Das merke ich oft erst nach einiger Zeit auf Abstand, dass die Zeichnung eine eigene Wirkung entfaltet hat. Und es wirkt nachträglich oft sehr reinigend. Da hat etwas Zeit und Raum bekommen, das sonst vom Alltag überdeckt ist. Und die Entspannung kommt wieder.


Sich die Zeit zu nehmen, nicht gleich los zu legen und schnell und toll zu zeichnen, sondern - stopp - erstmal sitzen spüren, ruhen, lauschen und sehen, was denn da um mich her und in mir gerade ist - das ist der besondere Wert des meditativen Zeichnens.


Es ist beides.

Es ist so oder so.

Pur oder meditativ.

Und beides ist, wie es eben ist.

Je nach Möglichkeit, ja nach Wunsch, je nach Kurs - beides unvergleichlich gut.


Und ja - ergänzend.

Ergreifend erlebe ich, wie Teilnehmende in den Kursen des meditativen Zeichnens eine neue Ebene in sich entdecken, weil sie sich eben den Druck nehmen.

Manche zeichnen nicht mehr, weil sie meinen es mal früher super geht gekonnt zu haben und nun nicht mehr. Oder weil jemand ihnen mal gesagt hat, dass das, was da entsteht, häßlich sei oder ungenügend.


Das kenne ich aus dem Bereich der Musik. Ich habe früher Konzerte gespielt mit der Flöte, war schnell und gut genug für kleine Auftritte. Dann hat durch einen Unfall meine Hand weniger Kapazität und ich bin langsamer, ich spiele keine neuen Stücke mehr und die alten nicht mehr so gut wie früher - also bleibt die Flöte still.

Wie schade! Frei interpretieren und einfach nur Töne wie Atem aneinanderreihen, Klang fließen lassen - das ist meine Übung, die ich neu zulassen möchte.


Und so ähnlich geht es einigen beim Zeichnen. Sie sind erlernt oder aus sich heraus unzufrieden mit ihren Zeichnungen, die sie bisher gemacht haben und lassen es gleich ganz sein.


Aber komm zurück in die Zeit, als Kind - dahin wo Du mal mit dicken Stiften, mit bunten Stiften oder mit Kreide auf der Straße einfach mal gemalt hast - was man erlebt hat, was gesehen hat, was geträumt hat. Noch bevor jemand sagte, das ist aber schön oder das ist aber falsch - dann, wenn Du einfach sein läßt, was ist, wenn Du wertfrei meditierend wahrnimmst, dann zeichnest Du wieder. Neu.


Und deshalb ergänzen sich die Kursarten - das erlebe ich so und bin dankbar, wie sagt, beides unterrichten zu dürfen.


Individuell in Kursen für eine oder zwei Teilnehmende oder eben in den Kursen, die hier auf der website zu finden sind. In Gruppen zu lernen bringt den Austausch mit sich und ist trotzdem Zeit für sich selbst. Das ist eine wertvolle Komponente zusätzlich zum Meditieren und Zeichnen.

Klar, dann auch noch an so wunderbare Orte wie die Klöster zu reisen ist Urlaub!


Aber das ist dann mal ein eigener Blogeintrag - warum ins Kloster.

Ich kann nur sagen:

Probiere einfach aus und mach Dir Dein eigenes Bild!