Bewundernd die Arbeit anderer betrachten

In einer Ausstellung in der Albertina in Wien habe ich die Ausstellung der Arbeiten von Michela Ghisetti gesehen. Lange saß oder stand ich vor den einzelnen Werken und habe sie auf mich wirken lassen. Diese vielen Stunden des Zeichnens, die in den großflächigen Bildern stecken, haben mich tief berührt. Da hat sich jemand eingelassen auf Farbe, Zeichnung und Gesichtsausdruck. Oder die abstrakten Arbeiten mit den vielen Schichten von Farben und gezeichneten Linien, die ähnlich den Kratzbildern, die man mit Pastellkreide mit Kindern machen kann - auch die haben eine innige Ausstrahlung auf mich und inspirieren mich nachhaltig auch heute noch, wo der Besuch der Ausstellung schon einen Monat zurück liegt.


In den Seminaren zum meditativen Zeichnen ebenso wie in den reinen Zeichnen-Technik Kursen höre ich immer wieder, dass die Betrachtung von Kunst und Werken anderer verständlicher wird, wenn man selber kreativ schaffend ist. Wenn man selber sehen und zeichnen übt, versteht man besser, was andere erarbeiten. Ebenso erkennt man ja auch durch die Analyse von Werken, was alles dahinter steckt, bis ein Bild oder eine Skulptur oder Plastik oder bei mir auch ein Schmuckstück fertig sind. Ja sogar, ob etwas fertig ist - also wenn ich selber etwas erschaffe und im Dialog mit dem Werk bin, wann ist es dann meiner Meinung nach so, dass ich weder etwas hinzufügen noch weg nehmen kann - wann stimmt die Ausstrahlung.


Bei Skizzen und den zeichnerischen Erinnerungen des meditativen Zeichnens ist der Reiz dann das scheinbar unfertige, das, was Phantasie anregt, das Ende offen lässt, nicht alles ist zu Ende komplett ausgezeichnet - weil es in den Zeiten des meditativen Zeichnens eben darum gar nicht geht. Das gibt Leichtigkeit und es könnte eine Grundlage für ein ausgezeichnetes neues Werk werden. Nach der Meditation.


Über alle diese Unterschiede von künstlerischer Arbeit, dem Beruf und der Berufung darin zu der Erfahrung im meditativen Zeichnen, das wertfreie Schaffen, sehen-ruhen-zeichnen ermöglicht, habe ich während ich Stundenlang in der Ausstellung saß, nachgedacht. Die Bilder haben mich angeregt, mir diese Gedanken zu machen. Die Ruhe in der Ausstellung war wunderbar und reift noch immer in mir nach.


Danke Michela Ghisetti, sehr wunderschön!