Der gute Schatten im Dasein

Schatten wird ja meist als etwas Negatives dargestellt und in Erzählungen für Unbekanntes und auch Beängstigendes eingesetzt. Es gibt den Ausdruck des "Schattendasein", das man führt, versteckt hinter anderen oder wenn das eigene Licht nicht leuchten kann.

Auf der website des Vereins für Kontemplation gibt es sehr schöne inspirierende Texte. Eine Erzählung ist zum Thema: "Schatten".

Stefan Eideloth lässt mich diesen Text hier auch mit Euch teilen, vielen Dank!


Raum für den Schatten.

Es war einmal ein Mann, der vom Anblick seines Schattens so verstört war, dass er beschloss, ihn hinter sich zu lassen. Er sagte sich: Ich laufe ihm einfach davon. So stand er auf und lief davon. Doch sein Schatten folgte ihm mühelos. Er sagte zu sich: Ich muss schneller laufen. Also lief er schneller – lief so lange, bis er tot zu Boden sank. Wäre er einfach in den Schatten eines Baumes getreten, so wäre er seinen eigenen Schatten losgeworden, und hätte er sich hingesetzt, so hätte es keine Schritte mehr gegeben. Aber darauf kam er nicht.


Geschwindigkeit hat etwas, fasziniert. Dinge schnell erreichen, eine Arbeit schnell erledigen, Nachrichten schnell verschicken, Arbeitszeit verdichten, um in kürzerer Zeit mehr zu schaffen oder in der freien Zeit mehr erleben zu können – wer sich beeilt, bekommt viel geschafft.


In der Geschichte vom Schattenläufer soll Schnelligkeit helfen, etwas loszuwerden, nämlich den eigenen Schatten. Was ist Schatten? Schatten ist nicht der Mensch selbst, sondern etwas, das ihn begleitet und das er gerne loswerden möchte. Stress, Wut, Angst, Maßlosigkeit im Essen, vielleicht eine Sucht, eine Sorge, das Gefühl, etwas zu verpassen, die Tatsache des Älterwerdens, eine schmerzhafte Erinnerung – was auch immer es ist: Es gibt viele Schatten, die einen Menschen durchs Leben treiben können. Sie machen rastlos, ruhelos, manchmal mutlos oder krank.


Das Ego hat Angst vor dem Schatten, will ihn verdrängen. Der Verstand, die Gedanken sagen: „Du musst schneller laufen.“ Übersetzt in den Alltag: „Du musst noch da hin und dort hin.“ „Das fehlt dir noch.“ Oder: „Fahr doch mal weit weg.“ „Kauf dir was Schönes.“ Der Verstand sucht Beschäftigung, er „hätte, wüsste und wollte gerne etwas“, wie Tauler sagt. Er arbeitet überzeugend und logisch: Du musst nur schneller rennen, schneller arbeiten, mehr leisten, mehr lesen oder mehr erleben, dann erreichst du mehr, findest du mehr, erlebst du mehr an Freude und Erfüllung oder was auch immer er verspricht. Es klingt meistens alles sehr logisch und funktioniert ja auch eine Zeit lang ganz gut.


Es gibt einen Schatten, in den sich ein Mensch mit allem, was ihn umtreibt, immer stellen kann, um nicht auszubrennen oder irgendwann erschöpft umzufallen – die Stille. Der Stille Raum geben heißt auch, dem Schatten einen Raum geben, sich zu zeigen, ihm nicht davon rennen, ihn aushalten – in der Stille. Sie ist da, hinter unseren Gedanken, und ihre Kraft ist immens. Sie ordnet unser Leben, ist Zufluchts- und Ausgangspunkt zugleich, drängt sich nicht auf, will gesucht werden, lässt sich finden, schenkt ihre Gaben.


Stefan Eideloth